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2006 – Magdeburg aus der Vogelperspektive

Grün und Blau sind die vorherrschenden Farben auf den über 400 Abbildungen. Wen wundert’s. Wer Magdeburg kennt, weiß, dass es eine grüne Stadt ist, und dass der Fluss und der Himmel sie in dieses ganz besondere Licht tauchen. Eines der wenigen Bücher, das sich in Magdeburgs großem 1200-jährigen Stadtjubiläum mit der Gegenwart der Stadt beschäftigte, trägt den Titel „Magdeburg aus der Luft“ und ermöglicht einen sehr seltenen, ungewöhnlichen Blick auf die grüne Domstadt an der Elbe. In vier Jahreszeiten und rund 50 Flugstunden entstanden über  6500 Luftaufnahmen. Der Fotograf  Michael Kranz hat mit aller technischen Raffinesse, interessanter Blicke über die Dächer der Stadt und im Spiel von Farben, Licht und Schatten ganz einmalige und schöne Bilder Magdeburgs geliefert. Die Idee zu diesem Buch entstand allerdings im Stadtplanungsamt. Seit einigen Jahren erscheint hier mit großem Erfolg der Luftbildkalender. Bereits im Jahr 2000 dokumentierte eine Ausstellung 10 Jahre Stadtentwicklung unter kommunaler Selbstverwaltung. Aus der Luft konnte man die bauliche Neugestaltung der Innenstadt, die Fassung von Plätzen und die Wiederaufnahme historischer Straßenzüge besonders gut nachvollziehen. An der strahlenden Pracht roter Dächer zeigten sich der Sanierungsstand und die neuen Siedlungen im Gesamtstadtbild. Für Architekten und Stadtplaner ist es kein Geheimnis, dass sich von „Oben gesehen“ architektonische Details an einem Gebäude und Veränderungen im Straßenbild besonders gut darstellen lassen. Oft erkennt man aus der Vogelperspektive erst die eigentliche künstlerische Idee von Architektur und Stadtgestalt. Während sich vom Bürgersteig aus mehr Enge und Weite erleben lassen, spürt man aus der Luft das Wunder der Farben und Formen einer Stadt. Diesen Blick, der sonst nur wenigen vergönnt ist, ermöglicht der reich ausgestatte Band „Magdeburg aus der Luft“ aus dem Verlag Janos Stekovic. Ausdrücklich gelobt sei der kleine Überflug in Sachen Geschichte der Luftfahrt, der Luftfotografie und der baulichen Entwicklung Magdeburgs, die den Blick über die Elbestadt einleiten. Zahlreiche historische Luftbilder erhöhen die Attraktivität des Buches. Sehr komprimiert und unterhaltsam kommentiert die Autorin der Texte, Sabine Tacke, die geschichtlichen Umstände. Zerstörung und Wiederaufbau, Festungsbau und Stadterweiterung waren prägend für Magdeburg. Bilder, die uns auf die Dächer blicken lassen, erweitern nicht nur den Blick selbst, sondern aus der Luft lässt sich auch ein viel größerer Teil eines Stadtviertels oder Quartiers abbilden. Die Dimension der Zerstörung vom 16. Januar 1945, das Unfassbare, erfassen die Bilder aus der Luft, wie sonst keine andere Darstellung. Blicke über das Stadttheater, über die Industrieanlagen der Gruson und Co oder auf das Ernst-Grube-Stadion machen uns deutlich, wie sehr Gegenwart plötzlich Geschichte sein kann. Auch der viel gescholtene Neuaufbau nach dem II. Weltkrieg erhält über die Luftbilder eine ganz andere Nuance. Die Luftaufnahmen der Plattenbausiedlungen am Rande der Stadt offenbaren Stadtviertel mit einer guten Infrastruktur oder viel Grün. Allerdings zeigen sie auch deutliche Unterschiede in der städtebaulichen Qualität dieser Wohnviertel. Diese Schwächen kann unter anderem der Stadtumbau hier und da ausgleichen. Deshalb haben diese Bilder nicht nur einen großen Schauwert sondern eine handfeste praktische Nutzungsmöglichkeit innerhalb des Stadtumbauprozesses in den nächsten 10 Jahren. Deshalb also sind Luftbilder nicht nur eine „nette“, ansehenswerte Sache. In 100 Jahren werden sich nachfolgende Generationen ein Bild von der Stadt ihrer Großeltern machen wollen. Keines ist so eindrucksvoll, wie das aus der Luft. Damit ist „Magdeburg aus der Luft“ eine Brücke zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft dieser Stadt. Dafür sorgt auch der, die Bilder begleitende, Text. Jedes Stadtviertel ist detailliert vorgestellt. Dadurch wird gegenwärtiger Entwicklungsstand festgehalten und das jeweils besondere des Stadtteils und seiner Bewohner erzählt. Die Ottersleber sind eben anders als die Cracauer oder die Sudenburger. Selbst vermeintlich vergessene Stadtteile wie Diesdorf, Fermersleben, Salbke oder Lemsdorf offenbaren ihren Reiz der Lage. Das wird ihre Bewohner selbst auch freuen. Dem Leser und Betrachter sind grenzenlos Entdeckungen im eigenen Lebensumfeld möglich. Neu hinzugewonnene Ortschaften in Ostelbien führen darüber hinaus in das Umland ein. Der Börde ist als stadtprägende Landschaft deshalb selbst ein kleines Kapitel mit sehr eindrucksvollen Bildern gewidmet. Eine Kritik sei angemerkt. Hier und da ist ein Bild seitenverkehrt. Einige interessante Stadtteilblicke sind nicht festgehalten, dafür andere Motive doppelt. Nicht alle Texte sind genau recherchiert, hier gilt mehr das Augenzwinkern. Bilder, die über zwei Seiten oder mehr 1 ½ Seiten abgedruckt sind, verlieren an Qualität durch den Knick in der Seite. Den Gesamteindruck eines mit Kompetenz edierten Buches stört das nicht. Der Verlag Janos Stekovic hat eine qualitativ hochwertige Ausstattung vorgenommen – vom Layout bis zum ausgewählten mattglänzenden Papier und dem Kapitalbändchen. Breits der Buchumschlag offenbart den Dreh – und Angelpunkt Magdeburgs – den Domplatz. Hier findet sich auf engstem Raum die für Magdeburg so wunderbare Symbiose von Alt und Neu, von großer Geschichte und Mut zu moderner Architektur und dieses wunderbare blau-grüne Farbenspiel. Das Sonderkapitel zum Domplatz im Buch gehört zu den interessantesten, vor allem der Blicke wegen. Noch fehlt das Hundertwasserhaus, Magdeburgs "Grüne Zitadelle", die eigentlich Rosa ist. Und damit sei schon das letzte Magdeburgtypische auch durch dieses Buch gesagt: Diese Stadt ist noch immer in Bewegung. Es lohnt sich jederzeit mal wieder zu schauen und zu entdecken. Zunächst natürlich vom Bürgersteig aus. Aber warum nicht hin und wieder auch „Magdeburg aus der Luft“. Heike Kriewald