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2004 – KZ Magdeburg

Ein KZ in der Nachbarschaft – Wege zum Gedenken

Im Januar des  Jahres  2001 wurde in Magdeburg-Rothensee ein Denkmal eingeweiht. Ein stählerner Koloss zeigt einen Mann, der in einem Viereck gefangen, seiner Menschlichkeit beraubt, seiner Kräfte enthoben und seiner Selbst entmündigt ist. Geballte Fäuste lassen erahnen, dass die Kraft zum Überleben enge Grenzen hat. Dem Denkmal gingen erste Forschungen des Magdeburgers Tobias Bütow zum Konzentrations-Außenlager „MAGDA“ voraus. „Ein KZ in der Nachbarschaft“ ist eine umfangreiche und sehr sorgfältig recherchierte Forschungsarbeit zu einem der Magdeburger Konzentrations-Außenlager – die  erste dieser Art für die Elbestadt. Die beiden noch jungen Historiker Franka Bindernagel und Tobias Bütow haben in der Tat Pionierarbeit geleistet. Sie werteten hunderte Dokumente zu einem der verabscheuungswürdigsten Kapitel der neueren deutschen Geschichte aus, brachten kritische Betrachtungen zu bisher zum Thema erschienenden Büchern an und fügten neue Forschungsergebnisse hinzu.

Die Braunkohle-Benzin AG (Brabag) – eine nationalsozialistische Erfolgsgeschichte

Am Rande eines Wohnviertels in Magdeburgs Norden errichtete die Brabag 1944 an der Heinrichsberger Straße/Ecke Havelstraße ein Außenlager des Konzentrationslagers Buchenwald. Vom 17. Juni 1944 bis zum 9. Februar 1945 beherbergte es 2.172 Gefangene, fast ausschließlich ungarische Juden. Sie bildeten ein externes Arbeitskommando für die Brabag. Darüber hinaus wurden hier tausende Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene aus der Ukraine, der Sowjetunion, aus Italien, Jugoslawien, Polen, der Tschechei und Frankreich  inhaftiert. Die Brabag war als Produzent des kriegswichtigen Treibstoffs ein elementarer Bestandteil der systematischen Kriegsvorbereitung und ein kriegsentscheidendes Unternehmen im sog. „deutschen Endkampf“. Als die Bombardierungen von Industriezentren durch die Alliierten begannen, geriet die deutsche Heeresführung in Not und ein gigantisches Programm zum schnellen Wiederaufbau, zur Reparatur und zur personellen Verstärkung der Rüstungsbetriebe in der Heimat lief an: das „Geilenberg-Programm“. Es entstanden hunderte „Konzentrationslager im Kleinformat“ (S. 76) – Außenkommandos und Zwangsarbeiterlager mit Gefangenen aus vielen Nationen. SS-intern trug das Magdeburger Lager bei der Brabag den Namen „MAGDA“.Den etwa 1.400 Magdeburgern, die in den benachbarten Wohnsiedlungen lebten und den tausenden Arbeitern in den Betrieben im Norden konnten weder das Lager noch die Insassen verborgen bleiben. Zu eng war die Nachbarschaft, zu offensichtlich das Treiben, zu weit und einsehbar der Weg für die Gefangenen vom Lager bis zum Einsatzort. Tobias Bütow und Franka Bindernagel haben zwei Forschungsschwerpunkte gesetzt, in Archiven weltweit geforscht, eine große Zahl von historischen Dokumenten zusammengetragen und den „kausalen Zusammenhang zwischen Arbeit und Vernichtung“ (S. 116) innerhalb dieser Lager nachgewiesen.

Täter und Mittäter – eine Betrachtung von Verstrickungen

Die Darstellung der Täter und Mittäter, ihre Handlungsfelder und Verantwortungsebenen nehmen im Buch einen umfangreichen Platz ein. Diese Studien stellen jedoch nicht nur Verstrickungen dar, sondern weisen darauf hin, in welchem Maße die Folgen des Handelns und der Entscheidungswege mit den Ereignissen im Außenlager „Magda“ verbunden waren. So sind Zwangsarbeit, das Leben  und Sterben der Häftlinge unmittelbarer Teil von „Mittäter- und Mitwisserschaft“ (S. 12)  Zahlreiche biographische Notizen, meist als Fußnoten angefügt, heben die Anonymität der Täter und der Opfer auf. Besonders interessant ist die Verknüpfung der Ereignisse im KZ-Außenlager „MAGDA“ mit den hier untersuchten Bereichen der Wirtschafts- und Unternehmensgeschichte. Nicht zuletzt bereichern die biographischen Forschungen zu Fritz Kranefuß, Vorstandssprecher der Brabag und Aufsichtsratsmitglied der Dresdener Bank, die Dokumentation. Gerade an der Karriere von Kranefuß innerhalb der SS und in der deutschen Wirtschaft zeigt sich das Ausmaß der Verflechtungen mit den Verbrechen und dem Terror der Nationalsozialisten. Die Rolle des „Freundeskreises Himmler“ ist in dieser Deutlichkeit erstmals erforscht und publiziert, auch wenn aufgrund der sehr schwierigen Quellenlage dazu noch längst nicht alles bekannt ist. Das Buch deckt weitere Desiderate der wissenschaftlichen Forschung zu den KZ-Außenlagern sowie den übrigen Zwangsarbeiterlagern auf. Dazu gehören u.a. die Zwangsarbeit von mehr als 200.000 ungarischen Juden, die Wahrnehmungs- und Verdrängungsstrategien der zivilen Bevölkerung, die Rolle der Wehrmachtssoldaten in den Wachmannschaften der Konzentrationslager oder der Einsatz von Hunden in diesen Lagern. An all diesen Themen sind die Autoren „dran“, haben das von ihnen gefundene Material und die Zeugnisse der Erinnerung einfließen lassen. Sie beschreiben die Struktur des Lagers „MAGDA“, die katastrophalen Arbeitsbedingungen, die Schwere der Arbeit, die physische und psychische Folter der Häftlinge und sparen auch die Selektionen in die Todeslager und das grausame Sterben nicht aus. All das steht symptomatisch für die meisten dieser KZ-Außenlager.

Von der „Amnesie einer Stadt“ – ein verbreitetes Symptom

Selbst die Tatsache, daß Akten zu zahlreichen Konzentrationslagern und ihren Außenkommandos sowie zu den Zwangsarbeiterlagern bis in die jüngste Zeit hinein vernichtet wurden, verlangt geradezu nach einer historischen Erforschung und der Verfolgung der Spuren bis in die Gegenwart. In vielen Fällen steht die offensive Aufarbeitung der Rolle von Unternehmen und Kommunen während des Nationalsozialismus noch aus. Über eine reine Regionalgeschichtsschreibung hinaus ordnen Bütow und Bindernagel das Magdeburger Lager in den geschichtlichen Kontext ein. Mit der Dokumentation der Erinnerungen von Überlebenden gelingt den Autoren die Sicherstellung besonders wertvoller Erinnerungs-Zeugnisse mit den Mitteln der „oral history“, einem bisher in Deutschland immer noch vergleichsweise wenig eingesetztem Verfahren zur wissenschaftlichen Untersuchung von historischen Ereignissen des 20. Jahrhunderts. Auch wenn Erinnerungen selbst immer subjektiv geprägt sind, fortgeschrittenes Alter große Gedächtnislücken vermuten läßt oder die nach den „Ereignissen“ erlebte Biographie Erinnerungen trüben können, so stehen gerade diese Zeugnisse den Dokumenten aus Archiven in der Authentizität und der wissenschaftlichen Beweiskraft in nichts nach. Insbesondere die im englischsprachigen Bereich der Geschichtsforschung eingeführten Untersuchen mit Methoden der ‚oral history’ sind in ihrer Beweiskraft wissenschaftlich längst anerkannt. Auch die vorliegende Publikation zeigt, dass der Wissenschaftler gerade bei dieser Methode gefordert ist. Ihm obliegt nicht nur eine sehr sensible und verantwortungsvolle Auswertung der Zeitzeugenberichte, sondern vor allem die sehr gute Vorbereitung von Interviews. Beides ist zu dem „KZ in der Nachbarschaft“ sehr überzeugend gelungen. Die Erinnerungen der „Nachbarn“ sind erstmals in dieser Art wissenschaftlich aufbereitet worden. Ruth Graue und  Willi Bandow erinnern sich nicht nur sehr genau an die damaligen Ereignisse. Bis heute erstaunt sie die nach wie vor andauernde Übereinkunft, daß man „darüber“ besser nicht spricht. Die Berichte der Überlebenden wie Janos Weiner und Ivan Ivanji sind Zeugnisse historischer Forschung und gehen doch nahe. Beiden ist hoch anzurechnen, dass Sie inzwischen – so wie Nachum Bandel und Ernest Kan (Überlebender des KZ-Außenlagers bei der Polte AG) auch – als Überlebende den Weg an die Stätte, letztlich in die Stadt ihrer Leiden zurückgefunden haben, und mit jungen Menschen über das Erlebte, aber auch über die Möglichkeit, heute zu gedenken und zu erinnern, ins Gespräch gekommen sind. Trotz des wissenschaftlichen Anspruchs und der Fülle an Fußnoten zieht das Buch den Leser in seinen Bann und ist für den historisch interessierten Laien ebenso zu empfehlen wie für den wissenschaftlichen Diskurs. Das Nachwort zeichnet die „Amnesie einer Stadt“ als Symptom vielfach praktizierter Verdrängung nach. Die Nachkriegsentwicklung auf beiden deutschen Seiten führte zu ersten Verzerrungen, Unterschlagungen und schließlich zum Vergessen der Ereignisse in den Lagern – trotz der zahlreichen zivilen Nachbarschaft. Erst die internationale Diskussion von Holocaust und Shoa führen auch im Nachwendedeutschland zum Umdenken. Die lokale Erinnerung bleibt unterschiedlich ausgeprägt.

MAGDA stand für Magdeburg

Bütow schreibt: „In den Bunkern fand ein Teil der Magdeburger Bevölkerung Schutz vor den alliierten Bombardements. Ihr Überleben ging mit dem Tod hunderter ungarischer Juden einher“ (S.116). In den aktuellen Publikationen zur Zerstörung Magdeburgs am 16. Januar 1945 findet dieser Fakt keine Erwähnung. Bütow bezieht sich dabei auf die Tatsache, dass die Insassen des Lagers „MAGDA“ unter „tödlichen Bedingungen“ inmitten der Wohnsiedlung und auf dem Brabag-Gelände drei große Luftschutzbunker bauten. Zwei davon existieren heute noch. Die historische Erforschung und Aufarbeitung des Lagers „MAGDA“ hat in Bütows Heimatstadt Magdeburg zum Nachdenken und letztendlich auch zum Gedenken angeregt. Es bleibt zu hoffen, daß zum 1200jährigen Stadtjubiläum sowohl die neue stadtgeschichtliche Ausstellung des Kulturhistorischen Museums, die geplante große Edition zur Stadtgeschichte als auch die Feierlichkeiten selbst, Aufklärung und Gedenken in sich aufnehmen. Die Worte auf  einer Stahlplatte am Denkmal für das Lager in Rothensee stammen von dem Schriftsteller Jürgen Rennert.

Rothenseer Gedenken

Was wir sahen, haben wir nicht gesehen. Was wir hörten, haben wir nicht gehört. Unsere Hände, in Unschuld gewaschen, werden nicht rein. Hier schreit der Mord an Fünfhundertundfünfzig Juden aus Ungarn zum Himmel. Unter dem „MAGDA“ lag. (vom 17.Juni1944 bis zum 9.Februar 1945 Außenstelle des KZ Buchenwald) Zweitausendeinhundertsiebzig Menschen, von der SS an die „Braunkohle Benzin AG“ verkauft, wurden in den Magdeburger Werken bis ans Ende der Lebbarkeit verbraucht. Hunderte Entkräfteter, die sich wirtschaftlich länger nicht rechneten, schickten „MAGDAS“ Herren über Buchenwald, Auschwitz und Bergen-Belsen in den Tod ... Heike Kriewald